Kurt Hetz (1903-1949)

 

v.l.n.r.: Pfarrer Ulrich Stotzka, Pfarrer Kurt Hetz, Gemeindeschwester Mauruschat

(Die Erinnerungskarte hat freundlicherweise der Archivar der Kreisgemeinschaft Angerapp, Herr Wolfgang Dannowski, zur Verfügung gestellt.)

 

 

* 26.12.1903 Insterburg + 10.07.1949 (Tangstedt?), Sohn des Oberpostsekretärs Hetz in Insterburg. Pfarrer in Rogahlen von 1934 bis 1945. Hetz war Mitglied des Bruderrates der Bekennenden Kirche und als ihr Sekretär Geschäftsführer für die ganze Provinz Ostpreußen. Er hielt gemeinsam mit Pfarrer Schenk einen Bekenntnisgottesdienst in der Gerwischkehmer Kirche und wurde deswegen wie Schenk, dessen Pfarrhaus während seiner Abwesenheit durchsucht wurde, von den Amtsträgern der NSDAP angefeindet.

Liedtke erwähnt ihn häufig. Bezeichnend sind zwei Zitate aus seinem Buch "Die versunkene Welt":

"Sekretär der 'Bekennenden Kirche' wurde Kurt Hetz, der vom Militär ausgemustert worden war. 1932 war er zunächst als Hilfsprediger nach Rogahlen gekommen, wurde dann ausgemustert, weil er einen Knacks hatte. So blieb er, und in Rogahlen wurde ihm viel Liebe zuteil. Die jungen Mädchen, die Bauerstöchter, alle liefen zu ihm in die Kirche, auch aus Szabienen. Vor allem aber war er ein sehr guter Seelsorger, er bemühte sich um jeden einzelnen. Das brachte ihm erhebliche Schwierigkeiten ein, weil der Ortsgruppenleiter der Krugbesitzer war, aber Hetz konnte sich durchsetzen. Es hieß, er habe schon das Goldene Parteiabzeichen gehabt, sei aber aus der Partei ausgeschlossen worden, als er bei der 'Bekennenden Kirche' Geschäftsführer für die ganze Provinz wurde. Daß er ein paarmal im Gefängnis gesessen hatte, hat die Sympathien bei den Leuten für ihn nur noch verstärkt. Sie sahen, der stand zu der Sache, der er diente, und sie begriffen auch, daß er damit ihnen diente. Er hat durchgehalten, bis Rogahlen evakuiert wurde."1)

"Er war Junggeselle, hatte auf seinem Treckwagen die Gemeindeschwester mit und hat viele theologische Schriften und Unterlagen, auch über die Prozesse gegen die Mitglieder vom Bruderrat, herausgebracht. Er kam nach Tangstedt in die Gegend von Hamburg und hat von dort aus die Büroarbeit der 'Bekennenden Kirche' weitergeführt."2)

Ausführlicher wird Kurt Hetz von Hans Graf von Lehndorff in seiner kleinen Schrift "Die Insterburger Jahre" gewürdigt: "Einer, der sich damals mit besonderer Intensität in die Verhandlungen einschaltete, war Pfarrer Kurt Hetz aus Gahlen. Er stammte aus Insterburg und fühlte sich für unsere Gemeinde mitverantwortlich. Ich lernte ihn als Patienten kennen, denn er kam wegen einer schweren Lebererkrankung in unser Krankenhaus. Da er noch jung war, empfand ich sein unheilbares Leiden als besonders tragisch und wunderte mich, daß er neben der Arbeit an seiner Gemeinde noch soviel Zeit und Kraft für uns aufbrachte. Für meine ärztlichen Vorstellungen war er bereits vom Tode gezeichnet. Trotzdem hat er noch bis zum Ende des Krieges seine Gemeinde versorgt, wurde dann von dieser auf die Flucht mitgenommen und durch alle Strapazen und Gefahren des Trecks hindurch bis nach Holstein gebracht. Zu seinem eigenen Erstaunen lebte er dort weiter, erhielt durch Vermittlung von Freunden aus Amerika alle für ihn notwendigen Medikamente und fing an, die neuen Adressen sämtlicher noch am Leben gebliebenen ostpreußischen Pfarrerfamilien ausfindig zu machen. Durch einen Rundbrief brachte er sie alle miteinander in Verbindung. Anläßlich eines ostpreußischen Kirchentages in Hannover, den er organisiert hatte, sah ich ihn im September 1947 wieder. Er war fast zum Skelett abgemagert, bewegte sich aber mit erstaunlicher Frische durch die Reihen der Teilnehmer. Ein und ein halbes Jahr später besuchte ich ihn in seinem Zufluchtsort Tangstedt bei Hamburg. Er hatte keinen Zahn mehr im Munde und lebte fast nur noch von Kaffee, beschäftigte aber zwei Sekretärinnen. Zu seiner Leberkrankheit hatte er auch noch eine Tuberkulose hinzubekommen, wie er beiläufig erwähnte. In den Weihnachtstagen hatte er den erkrankten Ortspfarrer im Gottesdienst vertreten, hatte auch eine Beerdigung halten müssen und erzählte mir, er hätte dabei die ganze Zeit nur den einen Gedanken gehabt: Wie komme ich nur bis an das Grab, damit ich wenigstens ein Vaterunser sprechen kann. Hinterher war er dann zusammengebrochen und lag nun mit Fieber im Bett. Mitten im Gespräch fragte er mich plötzlich: 'Was halten Sie davon: Hier ist eine junge Zahnärztin, die will mir ein Gebiß machen.' Ich fand das ganz in der Ordnung und fragte zurück, warum er noch zögere. Da sagte er: 'Meinen Sie wirklich, daß es Sinn hat, sich noch einmal so gewissermaßen der Welt zuzuwenden?' Ich antwortete: 'Zähne sind meines Wissens zum Kauen da. Und da Sie sich ja sonst noch keineswegs von der Welt abgewandt haben, finde ich, Sie könnten sich ruhig noch Zähne machen lassen.' Zwei Monate später starb er. Seine Beerdigung in Tangstedt, an der ich teilgenommen habe, war wie ein Fest, das Einheimische und Flüchtlinge miteinander feierten. Sie fühlten sich durch ihn zu einer großen Familie verbunden."3)

Die Trauerfeier fand am 14.07.1949 statt. Sie wird im Kirchenbuch der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Tangstedt geschildert: "Nach einer häuslichen Feier u. Überführung in die Kirche, wobei P. Weber vormittags wirkte, war nachmittags die kirchliche Feier, bei der Pastor Stotzka-Gelsenkirchen sprach. 12 ostpr. Brüder folgten im Ornat. Am Grabe sprach u. amtierte Superintendent Gemmel. Ein Chor aus Berne sang. P Strecker sagte den Dank der Gemeinde, P. Schmidt-Bergstedt vertrat die Pastoren der Propstei Stormarn." Pastor Quast aus Tangstedt hat mir freundlicherweise eine Ablichtung aus dem Begräbnisbuch zur Verfügung gestellt.4)

Hetz hat auch in den wenigen Jahren nach der Vertreibung noch Großes geleistet. Aus Tangstedt bei Hamburg hat er unter dem Titel "Gahler Heimatpost" als Manuskript gedruckte  und ausdrücklich nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Rundbriefe an die Gemeindemitglieder, sofern ihre Anschriften bekannt waren, verschickt. Einige Exemplare habe ich vom inzwischen verstorbenen Erich Baltschun, Ebersdorf, übereignet bekommen. Es handelt sich dabei um: Nr. 23 vom 01.09.1946, Nr. 24 September 1946, Nr. 25 Advent 1946, Nr. 27 September 1947, Nr. 28 Advent 1947, Nr. 29 März 1948, Nr. 30 Advent 1948, Nr. 31 vom 15. Juli 1949 sowie um ein undatiertes Fragment (S. 4-12). Diese Briefe müssen noch genealogisch ausgewertet werden.

Ob es die fehlenden Rundbriefe noch irgendwo gibt? Ich bin dringend an Kopien interessiert!

 


allgemein zu Hetz: Hermann Dembowski: Geschichte der Bekennenden Kirche in Ostpreußen 1933-1945. Göttingen 1976, S. 141, 465; Hugo Linck: Der Kirchenkampf in Ostpreußen 1933 bis 1945. Geschichte und Dokumentation. Gräfe und Unzer, München 1968, S. 127, 159, 277; Hugo Linck: Im Feuer geprüft, als die Sterbenden, und siehe, wir leben. Berichte aus dem Leben der Restgemeinden nach der Kapitulation in und um Königsberg. Leer: Rautenberg 1973, S. 21; Die Horen, Band 51, Ausgabe 221, S. 121; Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter-Partei: Verordnungsblatt der Reichsleitung 1936.

1) Liedtke, Klaus-Jürgen: Die versunkene Welt. Ein ostpreußisches Dorf in Erzählungen der Leute. Frankfurt am Main 2008, S. 239

2) ebd., S. 353

3) Hans Graf von Lehndorff: Die Insterburger Jahre. Mein Weg zur Bekennenden Kirche. München 1969, S. 63-65

4) Der Wortlaut des Eintrags sei hier wiedergegeben:

"Erich Kurt Hetz, Pastor in Tangstedt, geboren am 26. Dezember 1903 in Insterburg, Sohn des Oberpostsekretärs Hetz u. seiner Ehefrau. Er war 1932 ordiniert und vom 1. Februar 1934 an Pastor in Rogahlen (später Gahlen) bis am 22. Oktober 1944 seine Gemeinde evakuiert wurde. Am 24. März 1945 kam er mit mehreren Gemeindegliedern im Treck nach Tangstedt. Er wurde hier mit einem Dienstauftrag versehen und übernahm insbesondere den Kindergottesdienst und den Vorkonfirmandenunterricht. Außerdem war er Flüchtlingsvorsteher. Er leitete eine Geschäftsstelle des Bruderrates der Ostpr. Bekenntnissynode. Seit dem 1. Januar 1949 erkrankte er so schwer, daß zuletzt der Tod eine Erlösung war. 7 Jahre litt er an Zuckerkrankheit, zuletzt noch an Tb, an Leukämie, wässriger Rippenfellentzündung u. Gallenkoliken. Todesursache: Herzschwäche. Alter: 45 Jahre 6 Monate"

Hetz wurde am 14.07.1949 in dem Pastorengrab 05.176 (Erbgrab D Platz 51, Nr. 1) in Tangstedt beigesetzt.


Seite erstellt:04.12.11

zuletzt geändert: 09.03.12