August von Saucken (1798-1873)

1. Wikipedia-Artikel über die Familie von Saucken

"August Heinrich v. S., geboren am 10. September 1798 zu Tarputschen, wurde 1813 dem v. d. Gröben’schen Institut in Königsberg übergeben, das, eine wohldotirte Familienstiftung, den dazu Berechtigten Unterricht mit Kost und Wohnung gewährte. Unter seinen Altersgenossen schloß er hier mit Alfred v. Auerswald eine Lebensfreundschaft. Als Napoleon von Elba zurückkehrte, traten beide ins Heer, S. in das Regiment, dem sein Bruder Ernst schon angehörte. Nach Beendigung des Feldzugs in die einsame Garnison Riesenburg gebannt, empfand er es dankbar, daß ihm nach bestandenem Officiersexamen 1817 gestattet wurde, die Königsberger Universität als Hospitant zu besuchen. Er wandte sich mit besonderem Eifer dem Studium der Geschichte zu und nutzte überhaupt seinen zweijährigen Aufenthalt in Königsberg aufs beste aus, um sich die feste Grundlage einer allgemeinen Bildung anzueignen, wie er denn auch in späteren Jahren trotz seiner angestrengten Thätigkeit auf landwirthschaftlichem und politischem Gebiete seine wissenschaftlichen und litterarischen Neigungen pflegte und namentlich in der deutschen Dichtung große Belesenheit erwarb. Bemerkenswerth sind ferner seine kirchlichen Beziehungen. In seinem Elternhause herrschte die ernste Frömmigkeit des positiven Christenthums. So ist es begreiflich, daß er sich jetzt dem Pfarrer Ebel anschloß, der schon im Gröben’schen Stipendienhause sein Lehrer gewesen war und dessen Kreis damals allein in Königsberg das positive Christenthum vertrat. Man weiß heute, daß die schweren sittlichen Beschuldigungen, die einst gegen Ebel erhoben wurden, grundlos sind, daß es sich vielmehr um Mißdeutungen excentrischer Theorien, die er vertrat, gehandelt hat (Vgl. Tschackert, Theologische Realencyklopädie, 3. Aufl., Bd. 17, S. 679 ff.). Später zog sich S. von dem Kreise Ebel’s zurück und wandte sich ebenso wie sein Bruder Ernst dem liberalen Kirchenthum zu. Die kirchlichen Interessen aber behielten Beide bei.

Im J. 1822 nahm August v. S. den Abschied von der Armee, um sich für seinen Beruf als Landwirth vorzubereiten. 1825 fiel ihm bei der Erbtheilung das Gut Julienfelde zu, und in demselben Jahre vermählte er sich mit Lina v. Below, einer Schwester des oben genannten Generals. In der Landwirthschaft bevorzugte er die Schafzucht (er erwarb einen Stamm feinwolliger spanischer Schafe) und namentlich die Pferdezucht. Er richtete ein Vollblutgestüt ein und schuf mit seinem Schwager Carl v. Below-Lugowen eine Trainiranstalt, die ein englischer Trainer leitete. Seine Bemühungen um die Vollblutzucht sind für Ostpreußen von großer Bedeutung geworden und haben verdiente Anerkennung gefunden. Zwischen ihm und seinem Bruder Ernst, der ein arabisches Gestüt hatte, bestand in dieser Hinsicht eine gewisse Rivalität. Uebrigens war es eine wesentlich ästhetische Freude, die er an den Pferden fand.

Seine politische Wirksamkeit begann im J. 1843 mit seiner Wahl in den Landtag der Provinz Preußen. 1847 wurde er zum Generallandschaftsrath ernannt und wirkte in dieser Stellung mit günstigem Erfolge dafür, daß den Bauerngütern, deren Werth nicht weniger als 500 Thlr. betrug, die Vortheile des landschaftlichen Creditinstitutes zugänglich gemacht wurden. Daß er ebenso wie sein Bruder Ernst Mitglied des Vereinigten Landtags war, haben wir schon erwähnt. Die politischen Anschauungen, die er jetzt und weiterhin vertrat, hat Schmidt-Weißenfels in seinem Buch „Preußische Landtagsmänner“ (1862) dargelegt. Es ist kein Zweifel, daß ihm das Ideal des wighistischen County-Squire vorschwebte, wie er es sich denn eifrig angelegen sein ließ, sich der Sorgen der Landbewohner in seinem nachbarlichen Bezirk anzunehmen (über seine in Uebereinstimmung mit Ernst v. S. unternommenen Bemühungen zur Linderung des ländlichen Nothstandes vor der Revolution des Jahres 1848 s. die von mir herausgegebenen Correspondenzen). Th. v. Bernhardi schildert ihn als einen „sehr liebenswürdigen und gescheiten Sanguiniker“. Er war [716] eine ritterliche Erscheinung und ein Mann von fester und vornehmer Gesinnung.

Mitglied des zweiten Vereinigten Landtags, der im April 1848 tagte, war S. wiederum. Als dieser am 6. April Wahlen zur deutschen Nationalversammlung vornahm, befand sich unter den Gewählten auch S. (nebst seinem Bruder Ernst). Bekanntlich annullirte der Landtag seine Wahlen wieder, da das sog. Vorparlament die Wahl eines Abgeordneten auf je 50,000 Seelen vorschrieb. So trat S. nicht ins Frankfurter Parlament. Am 28. Mai 1848 veröffentlichte er in der „Vossischen Zeitung“ im Inseratentheil ein „Eingesandt“ (derartige Artikel erschienen in jener Zeit mehrfach, z. B. von Vincke-Olbendorf), in dem er den Wunsch aussprach, daß der Prinz von Preußen aus England zurückkehren möge. Als Mitglied der zweiten Kammer von 1849 nahm er keinen Anstand, die octroyirte Verfassung anzuerkennen und sich an ihrer Revision zu betheiligen. Dagegen lehnte er die Zumuthung von 1850, nochmals diese revidirte und angenommene Verfassung zu ändern, ab. Von nun an gehörte er zur Opposition gegen das Ministerium Manteuffel. Dasselbe versagte ihm die Bestätigung, als er von neuem zum Generallandschaftsrath gewählt wurde. Die Jahre 1858–62 bezeichnen wohl den Höhepunkt seiner politischen Bedeutung. Das Vertrauen des Regenten und der Prinzessin Augusta; seine freundschaftlichen Beziehungen zu den meisten Ministern der neuen Aera und sein großer Einfluß in der damals ausschlaggebenden liberalen constitutionellen Fraction verschafften ihm eine fast einzigartige Position. Die Beziehungen zum Prinzen von Preußen hatten schon 1847 bei Gelegenheit des vereinigten Landtags begonnen und sich im Laufe der Jahre zu einer nahen Vertrauensstellung ausgebildet. Durch ihn erfuhr der Prinz, wie im Lande über seines Bruders Regierung geurtheilt wurde; an ihn wandte er sich oft um Rath, als er Regent und später König geworden war; von ihm ertrug er ein offenes Wort. Saucken’s Briefe und Bernhardi’s Tagebücher bieten manche interessanten Belege dafür. In der ersten Zeit des Conflicts mit dem Abgeordnetenhause blieb jene Vertrauensstellung noch bestehen; S. suchte zu vermitteln und den König namentlich von der Loyalität des oppositionellen Theils der Bevölkerung zu überzeugen. Im Herbst 1862 fanden jedoch diese Beziehungen mit einer viel besprochenen Correspondenz zwischen Beiden ihr Ende. Dagegen behielt er das Vertrauen der Königin und des Kronprinzen, der ihn besonders in der Zeit seines Conflicts mit dem Vater ins Vertrauen zog und ihn durch einen im officiellen Reiseprogramm nicht vorgesehenen Besuch in Julienfelde auszeichnete. (S. genoß das Vertrauen der Prinzessin schon seit den Vierziger Jahren. Als sie ihn mit ihrem damals etwa zwanzigjährigen Sohn bekannt machte, that sie es mit den Worten: „Auf diesen Mann kannst Du Dich verlassen, wenn Du einmal einen treuen Freund nöthig hast.“) Es herrschte in jener Zeit gerade in der freisinnigen Provinz Ostpreußen eine solche Erbitterung gegen die Regierung und ihr Oberhaupt, daß man dem Kronprinzen diese Mißstimmung bei den Empfängen in den Städten deutlich genug zeigte. In Königsberg, wo er als Rector der Universität gefeiert werden sollte, ließ man sogar einen Theil des Festprogramms fallen aus Furcht vor feindlichen Demonstrationen durch die Studenten. Diese fanden aber trotzdem Gelegenheit, ihrem Groll Ausdruck zu geben, und unterließen es, vor dem Kronprinzen, der in Begleitung seiner Gemahlin an ihren Spalier bildenden Reihen vorbei der Aula zuschritt, die Mützen abzunehmen. Der Kronprinz äußerte sich zu S. später sehr verletzt über dieses Vorkommniß: „Daß man ihm feindlich begegne, das könne er sich noch er klären, vielleicht auch entschuldigen; wie tief müsse aber der Haß gegen die [717] Regierung Wurzel gefaßt haben, wenn er die Söhne gebildeter Familien dazu treibe, einer Dame die einfachsten Zeichen der Achtung und Höflichkeit zu verweigern.“ – von dieser Zeit an bis zu seinem Tode blieb S. in dauernden Beziehungen zum Kronprinzen. Durch seine Vermittlung geschah es, daß Letzterer das Protectorat über den landwirthschaftlichen Centralverein für Litauen und Masuren, dessen Hauptvorsteher S. war, übernahm und sich mit der Kronprinzessin an die Spitze des Comités zur Bekämpfung des ostpreußischen Nothstandes im J. 1868 stellte, um dessen Linderung sich speciell auch S. in eifriger und erfolgreicher Weise bemühte.

Bei der Bildung der nationalliberalen Partei trat S. dieser bei. Als ihr Mitglied ist er in angesehener Stellung bis zu seinem Lebensende parlamentarisch thätig gewesen. Am 6. Januar 1873 starb er zu Julienfelde.

G. v. Below, Zur Geschichte der constitutionellen Partei im vormärzlichen Preußen. Briefwechsel des Generals G. v. Below und des Abgeordneten v. Saucken-Julienfelde. Tübinger Universitätsprogramm von 1903. – Aus dem Leben Th. v. Bernhardi’s Bd. 2 ff. – L. Parisius, Leopold Freiherr v. Hoverbeck II, 1 (Berlin 1898), S. 65 ff. (S. 85). – Ed. v. Simson, Erinnerungen aus seinem Leben, zusammengestellt von B. v. Simson. Leipzig 1900. – Mittheilungen der Familie. Vgl. auch die Litteratur zu dem Art. über Ernst v. S."


 
Lit.: Reinhard Adam: (Art.) von Saucken-Julienfelde, August Heinrich, in: Altpreußische Biographie. Bd. II Lieferung 5. Marburg/Lahn 1963, S. 592-593

Seite erstellt: 02.01.10

zuletzt geändert: 14.11.10